.// Wer bin ich und wo will ich hin?

Mein Therapeut meinte zu mir, ich solle die Panikattacken umschreiben, und nicht nur das eine Wort verwenden. Puh, gar nicht so leicht und er fordert von Anfang an vollen Einsatz meines Geistes. Okay, dann versuche ich es anders zu beschreiben.

Beim Mitteilen oder Erzählen finde ich zwar sehr umständlich alles zu wiederholen da die Zeit mit 50 Minuten nur sehr knapp ist. Wahrscheinlich steht in seinen Notizen, dass ich nicht von dem Wort loskomme.

Mich festgebissen habe. Innerlich er seine Augen verdreht, so wie ich bei dem Wort Konsistenz. Jeder Teilnehmer beim Perfekten Dinner auf dem deutschen Fernsehsender VOX bei seinen Beurteilungen am Ende das Wort benutzt. Mittlerweile benutze ich es selbst, weil ich einfach kein anderes Wort für den Zustand von Nahrungsmittel finde.

Jedenfalls, was einmal im Kopf fest verankert ist, ist eben schwer wieder loszulassen. W macht meine Panikattacke zur Panik und zu einer Attacke?


Beleuchten wir nun mein Leben ein wenig genauer:


Ich lebe seit 12 Jahren alleine. Der klassische Singlehaushalt eben wenn man so will. Bis auf kleinere Gefühlshochs und /-tiefs über diesen Zustand, und immer kleineren Geschichten und Techtelmechtels, hatte ich nie Probleme damit, ein Singleleben zu führen.

Es gab Phasen, da fand ich es sogar von Vorteil und lustiger weise hatte ich sogar seit einem halben Jahr, bevor das alles mit mir passierte, zum ersten mal das Gefühl, befreit von der ganzen Sucherei, den ganzen Versuchen, jemanden kenn zu lernen, mit dem man eine Beziehung aufbauen kann, zu sein. Ich finde es sehr befremdlich, dass jetzt genau das Gegenteil eintrat und mir das mehr denn je fehlt.

Ich nicht mehr alleine sein möchte. Mir das eigene familiäre Umfeld fehlt, das sich jeder nach Auszug aus seinem Familienheim, wünscht und gestaltet.

Im Durchschnitt und auch die Wahrscheinlichkeit abgezogen in wie weit man das als Homosexueller erreichen kann und wird. Hat sich die Gesellschaftsstruktur zwischenzeitlich so verändert, dass das eigentlich heutzutage ein generelles Problem geworden ist und nicht nur uns Homosexuellen Schwierigkeiten bereitet. Es fing ab erreichen meines 30. Lebensjahr an. In den Zwanzigern war das nie ein Thema.

Weit entfernt und nur eine geringe Möglichkeit meines eigenen Wollens. Dann kamen die Dreißiger und mit jedem neuen Lebensjahr, wächst meine Sehnsucht. Meine wilde Partyzeit war sowieso noch nie so stark ausgeprägt, aber auch da schwindet die Lust immer mehr, feiern zu gehen.

Mittlerweile habe ich ja auch fast eine Woche danach, Katerzustände, wer will das schon? Ruhige Abende mit Freunden oder Familie sind immer mehr angesagt.

Halt! Spieleabende werden nie mein Steckenpferd. Früher liebte ich Gesellschaftsspiele. Heute eher weniger bis bitte, bitte, lasst uns lieber einen Film gucken oder quatschen.

Wer weiß, was meine Psyche in Zukunft noch so alles ändern möchte in mir. Vielleicht werde ich Weltmeister in Siedler von Cartan Strategiebrettspiel? Mit der einen heftigen Attacke am Sonntagabend im Juli entwickelte sich urplötzlich diese Angst.

Die Angst zuhause alleine zu sein, generell alleine zu sein, die Angst, zuhause alleine zu Sterben, weil niemand neben einem liegt. Das war und ist ein schlimmes Gefühl. Ich hatte bisher noch nie so eine Rauschartige Empfindung, dass ich fluchtartig meine eigenen vier Wände verlassen musste, um Unterschlupf bei Freunden und Familie zu suchen. Diese Attacke, sie merken schon, ich lasse die Vorsilbe Panik bereits weg, beinhaltete körperliche Symptome.

Zittern, Atemnot, Schwindel, presslufthämmerndes Herzklopfen, Reizüberflutung der Sinne, Gedankenraserei. Für mich eine ganz, ganz schreckliche Erfahrung. Recht schnell kamen dann depressive Schübe dazu. Alles in Allem ist mein ganzes Ich, meine Psyche, mein Geist wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen.

Sie denken, Geist und Psyche ist das Selbe? Nein, dass wurde mir bei meiner ersten Yogastunde schnell bewusst, dass das nicht so ist, dazu später mehr. Nun stand ich vor dem Trümmerhaufen. Alles schien weit weg zu sein. Unerreichbar und unbegreiflich. Eine Schockstarre.

Ich fühlte mich allein und verloren. Suchte Schutz und Geborgenheit, wie ein streunender Hund von der Straße. Doch, jetzt wo ich das schreibe, ja genau so fühlte ich mich! Ich wollte in den Schoß meiner geliebten Familie zurück.

Wie damals, bis man erwachsen wird und auszieht, sein Leben selbst zu bestreiten. Ich konnte es nicht mehr. Wollte mich in der Höhle mütterlicher Zuwendung und Liebe verkriechen und nie wieder herauskommen. Es gibt so viele Umschreibungen und Metaphern für das Verkriechen.

Herausnehmen und Loslösen von seinem Alltag. Das ganze letzte Jahr (also in 2017) merkte ich leichte psychische Lähmung, Überforderung, doch schob ich das auf den Stress bei der Arbeit und die vielen Umbaumaßnahmen meiner Eltern in ihrem neuen Haus, die letzten zwei Jahre.

Dazu kamen mehrere Baustellen auf der Arbeit dazu. Der Umzug meiner Großmutter in ein Seniorenheim und das Leerräumen und Verkaufen Ihres Reihenhauses. Es legte sich auch etwas nach dem akuten Zeitraum. Ich bin ja auch jung, mitteljung, gesund und sehr stressresistent. Renovieren macht ja auch nicht nur Arbeit, sondern total viel Spaß, wenn man danach das Ergebnis sieht, was man mit seinem Arbeitseinsatz und seinen bloßen Händen erreicht hat.

Als wir mit Allem fertig waren, überkam mich ein Powergefühl. Meine künstlerischen Synapsen sprudelten auf einmal los. Ich fing an zu Malen. Setzte meinen MP3 Player in die Ohren und schon schoss es nur so aus mir heraus. In diesem Schwung produzierte ich an die 20 Bilder. Auf Leinwand oder nur auf Acrylpapier, aber es wollte alles raus.

Ich bin grundsätzlich schon immer auf irgendeine Art und Weise kreativ, habe auch einen kreativen Beruf erlernt, doch war das jetzt Neuland für mich und ich war überrascht, so mal bei mir meist Leere herrscht, wenn ich vor irgendeinem leeren, weißen Untergrund stehe.

Musik ist übrigens meine Muse. Die letzten Monate war eher das Gestalten von Fotobüchern meine kreative Leidenschaft.

Auch das Schoss so aus mir heraus. Ich fand das befreiend, doch anscheinend war das wieder zu viel und ich kam in diesen leichten Erschöpfungszustand zurück. Müde und träge. Lustlos irgendetwas zu machen.

Also blieb ich bei den Urlaubsfotobüchern und die Malerei ließ ich wieder schleifen. Wenn ich nichts mit Freunden unternommen habe, habe ich mich wirklich dann nach der Arbeit zuhause verkrochen, aber war immer am Tüfteln am Basteln am Ideen ausarbeiten. So wirklich nichts tun kommt bei mir recht selten vor. Bzw. ist mir nie wirklich langweilig und ich weiß mich immer irgendwie zu beschäftigen.

Nur merke ich, wenn ich zu viel mit mir alleine war oder bin wenig mit jemanden unter der Woche gesprochen habe, telefoniert habe oder gesehen habe, hat das bei mir dann immer eine Doppelwirkung.

So als ob ich wochenlang mit niemanden Kontakt gehabt hätte. Es kommt zwar selten vor, dass plötzlich alle weg sind, in Urlaub, beschäftigt oder nicht erreichbar, aber das kann durchaus eben auch der Fall sein und dann schlägt irgendwie meine Psyche zu.

Und nach eben so einer Situation in diesem Jahr; es waren Feiertage mit Wochenende, da war die Geburtsstunde, sonntags abends, der ersten Attacken, nach einem eigentlich schönen Familiengrillen mit meinen Eltern.

Ich liste ihnen mal meine Symptome auf, die mir meine Attacken so rein körperlich raushauten, wenn sie das irgendwo fachliterarische nachlesen, finden sie dann ähnliche, bis alle Symptome auf einen Haufen – und mit Fachbegriffen. Jeder hat aber auch unterschiedliche Symptome:


- plötzliches Ohnmachts- Schwindelgefühl ( es wird einem leicht schwarz vor den Augen)

- die Luft bleibt einem Weg, man glaubt zu ersticken

- das Herz pocht ganz schnell bis es nicht mehr auf hört zu rasen

- man wird von einer Todesangst überrannt, weil man glaubt, einen Herzinfarkt oder einen Erstickungsanfall zu erleiden

oder

- der Körper baut eine leichte Unruhe auf

- Finger, Arme, Beine fangen an zu kribbeln


Dann folgen die oben genannten Symptome.

Wer noch nie Todesangst gespürt hat, wird sie mit der ersten Attacke auf jeden Fall spüren, denn ich hatte bis dato noch nie so etwas empfunden. Angst schon. Als Kind vor der dunklen Ecke im Kinderzimmer oder Angst davor im Dunkeln allein durch die Wohnung oder das Haus zur Toilette zu laufen. Angst davor, zur Schule zu gehen, weil man gemobbt wird. Prüfungsangst oder die Angst, was die Zukunft so für einen bereithält. Aber das sind alles greifbare, verständliche Ängste, wo man den Ursprung kennt. Doch tauchen plötzlich verschleierte Ängste auf, dann wird es eben kompliziert.

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